🐐 Das Ziegenmädchen
Zwischen Morgennebel und Schellenklang steht sie, das Ziegenmädchen, leicht wie ein Windhauch, wach wie ein Steinbock im Fels.
Sie zählt die Tiere, nicht mit Zahlen, sondern mit Blicken, die jedes Fell, jede Eigenheit kennen.
Sie ruft die Namen, die nur sie und die Ziegen verstehen, und ihre Stimme ist der Faden, der die Herde zusammenhält.
Sie geht voraus, wo der Weg schmal wird, wo Wurzeln greifen und Steine rutschen. Ihre Schritte sind Versprechen: Kommt nur, ich finde den Pfad.
Sie hält die Unruhigen zurück, streichelt die Zarten, scheucht die Frechen, und wenn eine Ziege ausschert, ist sie die Erste, die ihr folgt – nicht streng, sondern bestimmt wie eine Schwester, die weiss, wohin der Tag führt.
Sie trägt Verantwortung wie andere ein Festtagsgewand: mit Stolz, mit stiller Selbstverständlichkeit, mit einem Lächeln, das nach Heu und Freiheit schmeckt.
Und wenn die Herde endlich oben ankommt, wenn das Tal klein wird und die Alp sich öffnet, dann steht sie da – ein Mädchen zwischen Himmel und Erde, und ihre Ziegen um sie herum wie ein lebendiges Gedicht aus Vertrauen und Tradition.